Lean vs. Agile? Zwei Begriffe, ein Ziel?

agilophil Podcast Folge 188: Lean vs. Agile – 2 Begriffe, ein Ziel? – Barbara Ölschleger

Lean vs. Agile – Interview mit Barbara Ölschleger

In dieser Episode des agilophil Podcasts spreche ich mit Barbara Ölschleger, Lean-Beraterin und Kaizen-Mentorin, über die Frage: Sind Lean und Agile eigentlich dasselbe? – oder verfolgen sie unterschiedliche Ansätze?

Lean hat seine Wurzeln in der industriellen Produktion, insbesondere im Toyota-Produktionssystem, während Agile vor allem aus der Softwareentwicklung und dem Umfeld komplexer Projektarbeit bekannt ist. Trotzdem begegnen mir in meiner Arbeit immer wieder Parallelen zwischen beiden Welten. Genau darüber sprechen Barbara und ich in diesem Interview.

Barbara bringt dabei eine besondere Perspektive mit: Sie arbeitet seit über zwanzig Jahren im Lean-Umfeld und hat ihre ersten Erfahrungen direkt im Austausch mit japanischen Beratern gesammelt. Ursprünglich als Dolmetscherin für Deutsch, Englisch und Japanisch, begleitete sie bereits früh Kaizen-Workshops in der Produktion. Diese Erfahrungen haben sie nachhaltig geprägt und ihren Weg in die Lean-Beratung geebnet.

Lean als Managementsystem – Agile als Denkweise?

Ein zentraler Punkt unseres Gesprächs ist die Frage, ob Lean und Agile tatsächlich vergleichbar sind. Barbara beschreibt Lean als umfassendes Managementsystem, das die gesamte Organisation einbezieht. Agile hingegen sieht sie stärker in Entwicklungs- und Projektumgebungen verankert.

Aus meiner Perspektive als Scrum- und Agile-Coach wirkt diese Unterscheidung zunächst ungewohnt. In der agilen Welt verstehen viele Agilität ebenfalls als Haltung und Organisationsprinzip, das weit über einzelne Teams hinausgeht. Genau hier entsteht ein spannender Dialog: Wir betrachten die gleichen Themen aus unterschiedlichen Blickwinkeln und stellen dabei fest, dass sich viele Prinzipien erstaunlich stark ähneln.

Gemeinsame Prinzipien: Iterationen, Feedback und kontinuierliche Verbesserung

Wenn man genauer hinschaut, zeigt sich schnell: Sowohl Lean als auch Agile setzen auf kontinuierliche Verbesserung, kleine Schritte und schnelles Lernen.

Lean arbeitet seit Jahrzehnten mit dem Prinzip der schrittweisen Optimierung, das unter anderem auf die Ideen von William Edwards Deming zurückgeht. Ziel ist es, Prozesse systematisch zu verbessern. Etwa durch Kennzahlen, Ursachenanalysen und tägliche Verbesserungsroutinen.

Auch Agile basiert auf genau diesem Gedanken: Produkte entstehen iterativ, Teams arbeiten in kurzen Feedbackzyklen und passen ihre Arbeit kontinuierlich an neue Erkenntnisse an.

Ob wir nun über Produktionsanlagen oder Softwareentwicklung sprechen – der grundlegende Mechanismus ist ähnlich: Startpunkt analysieren, Hypothesen testen, Ergebnisse verbessern.

Der Blick auf Verschwendung

Ein Begriff aus der Lean-Welt spielt dabei eine zentrale Rolle: Verschwendung.

Lean definiert Verschwendung als alles, wofür ein Kunde bezahlt, das aber keinen tatsächlichen Mehrwert erzeugt. Klassisch unterscheidet Lean sieben Arten von Verschwendung, die oft mit dem Akronym TIMWOOD beschrieben werden:

  • Transport
  • Inventory (Bestände)
  • Movement (unnötige Bewegungen)
  • Waiting (Wartezeiten)
  • Overprocessing
  • Overproduction
  • Defects (Fehler und Nacharbeit)

Manchmal wird noch eine achte Kategorie ergänzt: ungenutzte Fähigkeiten von Mitarbeitenden (Skills).

Viele dieser Punkte lassen sich problemlos auch auf Wissensarbeit übertragen. Ein schlecht beschriebenes Support-Ticket, das mehrfach nachgefragt werden muss, ist genauso Verschwendung wie ein unnötiger Umweg in einem Produktionsprozess.

Barbara betont dabei einen wichtigen Punkt: Verschwendung muss zunächst sichtbar gemacht werden, bevor man sie verbessern kann. In der Produktion ist das oft einfacher, weil Probleme physisch sichtbar werden – etwa wenn sich Material vor einer Maschine staut. In Wissensarbeit dagegen braucht es häufig Visualisierung, etwa über Backlogs oder Kanban-Boards.

Kennzahlen als Steuerungsinstrument

Ein weiterer Unterschied zwischen Lean und Agile liegt im Umgang mit Kennzahlen.

Lean arbeitet traditionell stark datengetrieben. In der Produktion werden Prozesse über Kennzahlen wie beispielsweise die Overall Equipment Effectiveness (OEE) gesteuert. Diese Kennzahl setzt sich aus drei Faktoren zusammen:

  • Verfügbarkeit der Anlage
  • Leistungsgrad der Anlage
  • Qualität der produzierten Teile

Agile Teams dagegen stehen Kennzahlen häufig skeptischer gegenüber. Oft besteht die Sorge, dass Zahlen zur Kontrolle von Menschen statt zur Verbesserung von Systemen verwendet werden.

Trotzdem lohnt sich aus meiner Sicht ein Blick in die Lean-Welt: Dort gibt es jahrzehntelange Erfahrung darin, Kennzahlen sinnvoll zur Prozessverbesserung einzusetzen, ohne den Menschen aus dem Blick zu verlieren.

Führung als Schlüssel zum Erfolg

Ein Thema, bei dem Lean und Agile sich besonders stark ähneln, ist die Rolle der Führung.

Barbara betont, wie wichtig die erste Führungsebene ist, also Teamleiter, Schichtleiter oder direkte Vorgesetzte. Diese Menschen sind es, die Verbesserungen tatsächlich im Alltag umsetzen.

Auch in agilen Transformationen zeigt sich immer wieder ein ähnliches Muster: Während das Top-Management häufig die Idee von Agilität unterstützt, entstehen Schwierigkeiten oft im mittleren Management. Dort verändern sich Rollen und Verantwortlichkeiten besonders stark.

In beiden Welten gilt deshalb: Ohne Unterstützung der Führung wird es schwer, neue Arbeitsweisen dauerhaft zu etablieren.

Lean als Haltung

Ein Gedanke aus dem Gespräch ist mir besonders hängen geblieben: Lean ist nicht nur ein Werkzeugkasten, sondern vor allem eine Haltung gegenüber Problemen.

Wer Lean lebt, fragt sich bei jedem Problem zuerst:
Kann ich etwas tun, um diese Situation zu verbessern?

Diese Haltung ähnelt stark dem agilen Mindset. Beide Ansätze setzen darauf, dass Mitarbeitende Verantwortung übernehmen, Probleme sichtbar machen und aktiv an Verbesserungen arbeiten.

Ein einfacher Praxis-Impuls

Zum Abschluss des Gesprächs gibt Barbara einen sehr einfachen, aber wirkungsvollen Tipp: Achte im Alltag bewusst auf Verschwendung.

Das kann im Unternehmen sein, in Meetings, Prozessen oder Kommunikationswegen. Aber auch im privaten Alltag lassen sich viele Beispiele finden.

Ein Klassiker: Schlüssel suchen.
Wenn man dafür regelmäßig Zeit aufwendet, lohnt sich vielleicht ein fester Platz dafür.

Die Idee dahinter ist simpel: Wer einmal beginnt, Verschwendung zu erkennen, entwickelt schnell ein geschärftes Bewusstsein für ineffiziente Abläufe – sowohl im Beruf als auch im Alltag.

Lean und Agile – Gegensätze oder Ergänzungen?

Mein persönliches Fazit aus diesem Gespräch ist klar: Lean und Agile sind keine Gegensätze.

Sie stammen aus unterschiedlichen Kontexten – Produktion auf der einen Seite, Wissensarbeit auf der anderen. Doch ihre grundlegenden Prinzipien sind erstaunlich ähnlich:

  • Kundenfokus
  • kontinuierliche Verbesserung
  • Transparenz von Prozessen
  • Lernen in kleinen Schritten
  • Beteiligung der Mitarbeitenden

Gerade deshalb lohnt sich der Blick über den Tellerrand. Wer agil arbeitet, kann viel von Lean lernen – etwa im Umgang mit Kennzahlen oder der systematischen Analyse von Prozessen. Und umgekehrt kann die Lean-Welt von agilen Methoden profitieren, etwa bei der Visualisierung von Arbeit oder der Organisation komplexer Projekte.

Mehr über Barbara Ölschläger

Barbara Ölschläger arbeitet als Lean-Beraterin und Kaizen-Mentorin und begleitet Unternehmen seit vielen Jahren bei der Einführung schlanker Prozesse und kontinuierlicher Verbesserung.

Neu gestartet hat sie außerdem die LEAN4Praxis Community in Skool, eine Community für Lean-Manager:innen und KVP Verantwortliche und Prozessoptimierungs-Expert:innen. Dort vermittelt sie praxisnahe Grundlagen, Methoden und Erfahrungen aus ihrer Beratungstätigkeit.

Wer mehr über Barbara erfahren oder mit ihr in Kontakt treten möchte, findet sie auf LinkedIn und auf Ihrer Webseite Barbara Ölschläger – Gemba Booster.

Literatur- und Inspirationsempfehlung

Wer sich intensiver mit den Hintergründen von Lean beschäftigen möchte, dem empfehle ich den Klassiker The Toyota Way“ von Jeffrey K. Liker. Das Buch zeigt sehr anschaulich, wie Lean ursprünglich im Toyota-Produktionssystem entstanden ist und welche Prinzipien bis heute dahinterstehen.

Vielleicht ist genau dieser Blick auf die Wurzeln eine gute Inspiration, um Lean und Agile nicht als getrennte Welten zu betrachten, sondern als zwei Perspektiven auf dasselbe Ziel: bessere Zusammenarbeit und kontinuierliche Verbesserung.

Dein agilophiler

Frank

Weitere Episoden des agilophil Podcasts findest du auf der Übersichtsseite Podcast.

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