Wasserfall muss sterben: Verbrenne Millionen oder arbeite Agil!
Ein Paradebeispiel für alles, was schiefläuft
In dieser Folge spreche ich mit Thomas Marbella, CEO der OneCode GmbH, über zwei Projekte, die gegensätzlicher nicht sein könnten: ein behördliches Desaster rund um das Sozialhilfeportal in Berlin, just im Tagesspiegel veröffentlicht und ein inspirierendes VR-Game, das in sechs Monaten agil entwickelt wurde. Beide erzählen die Geschichte moderner IT-Projekte – das eine als Mahnmal, das andere als Leuchtturm.
Das Behördenprojekt wurde nach sieben Jahren und 6,4 Millionen Euro an Kosten aufgegeben. Lasttests fielen durch, kaum Nutzer konnten gleichzeitig auf die Software zugreifen, die Projektleitung wechselte mehrfach und der Nutzen blieb gleich null. Ein Paradebeispiel für Projektversagen – und für alles, was mit Wasserfallprinzipien und politischer Steuerung schieflaufen kann.
Was wirklich agil bedeutet – und wie es geht
Im Kontrast dazu berichtet Thomas von seinem „agilsten Projekt“: einer VR-App für die Oculus Quest. Statt Pflichtenheft und Großplanung gab es eine grobe Vision („Flugspiel“), einen Proof of Concept, Nutzerfeedback auf Meetups und iterative Drei-Wochen-Sprints. Jede Entscheidung wurde hinterfragt, jedes Feature getestet – sogar ein mühsam erstelltes Szenario wurde später durch einen automatischen Generator ersetzt.
Die Folge: ein Spiel, das auf Nutzerwünschen basierte, früh veröffentlicht wurde und trotz strategischer Hürden (Meta ließ es nicht in den Store) weiterlebte. Die Lösung: Portierung auf Steam, Xbox und Switch – wobei die Non-VR-Version sogar 80 % des Umsatzes brachte. Agilität zeigte sich hier als echtes Mindset: „Inspect and Adapt“ war gelebte Praxis.
Scrum, aber nicht dogmatisch
Wir diskutieren, warum dogmatisches Scrum häufig nicht praktikabel ist. Statt sich an jede Regel zu klammern, kommt es auf das Prinzip an: Transparenz, kontinuierliche Verbesserung und die Fähigkeit, Feedback ernst zu nehmen. In Thomas’ Projekt wurden Retrospektiven und Reviews zwar nicht offiziell so genannt, aber konsequent durchgeführt – am Ende jeder Iteration stand die Nutzerbefragung und die Auslieferung neuer Funktionen.
Auch organisatorisch wurde angepasst: Anfangs einwöchige Sprints wurden wegen der Pipeline auf drei Wochen verlängert. Wichtig war nicht der Zyklus an sich, sondern dessen Nutzen für das Team und das Produkt. Diese Pragmatik ist es, die in vielen klassischen Projekten fehlt.
Warum Wasserfallprojekte scheitern
Die Hauptprobleme klassischer IT-Vorgehen sind klar: starre Deadlines, wachsender Scope, politische Machtspiele und fehlende technische Infrastruktur und Flexibilität. Gerade bei öffentlichen Projekten fehlt oft das Verständnis für iterative Prozesse. Man plant zu lange, testet zu wenig und verliert den Nutzer aus dem Blick. Das Resultat: Millionenverluste ohne Ergebnis.
Ein zentrales Learning: Projektmanagement braucht klare Ziele, aber auch Flexibilität. Fixe Zeitpunkte sind nicht das Problem – sondern die Unfähigkeit, den Scope anzupassen. Wer wirklich agil arbeitet, liefert regelmäßig funktionierende Inkremente, die getestet und ausgerollt werden können.
AI, Entwicklerängste und echte Herausforderungen
Ein weiteres Thema der Episode ist der Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Thomas macht deutlich: KI ist ein Werkzeug und kein Ersatz für Menschen. Die wahren Probleme in Softwareprojekten liegen selten im Code – sondern im Management, im Stakeholder-Handling und in der Zieldefinition. Gute Entwickler nutzen KI zur Unterstützung, aber nicht als Ausrede.
Rich Dev Poor Dev – und warum du selbst aktiv werden musst
Thomas hat auf die zunehmenden Schwierigkeiten in der Akquise reagiert: Mit der Plattform „Rich Dev Poor Dev“ hilft er Freiberuflern, ihre Auftragslage selbst in die Hand zu nehmen. Sein Tipp: Lade Menschen zu Essen ein: Über 200 persönliche Treffen in einem Jahr führten zu zahlreichen Projekten – durch gezieltes Netzwerken, Lunches und Klarheit im Angebot.
Gerade in schwierigen Marktzeiten empfiehlt er: Verlasse dich nicht auf Recruiter. Erstelle ein klares Angebot, zeige den ROI deiner Leistung auf und positioniere dich auf LinkedIn. Die Nachfrage ist da – wenn man sichtbar ist und den ersten Schritt wagt.
Fazit und Appell an die Community
Zum Abschluss rufen wir dazu auf, toxische Projekte nicht einfach zu akzeptieren. Sprecht Probleme an, sucht Unterstützung, geht in Netzwerke und fordert Verantwortung ein – von Stakeholdern, Projektleitungen und politischen Entscheidern.
Agilität ist kein Buzzword, sondern eine Notwendigkeit. Wer heute noch IT-Projekte nach dem Wasserfallmodell aufsetzt, riskiert Millionenverluste, ineffiziente Abläufe und Frust bei allen Beteiligten. Agile Projekte brauchen keine perfekten Bedingungen – sie brauchen den Mut, anzufangen, sich zu hinterfragen und immer wieder besser zu werden.
Links & Quellen
Tagesspiegel-Artikel „Sozialämter – Senat stellt Projekt zur Digitalisierung ein“ (27.06.2025)
- Rich Dev Poor Dev Academy
- OneCode GmbH Webseite
- KI-Tools: GitHub Copilot, Microsoft Copilot
- LinkedIn-Profil: Thomas Marbella
Buchtipps
- Jeff Sutherland et. al. : Scrum Guide, Scrum Guide Expansion Pack, First Principles in Scrum – Die grundlegenden Werke des Erfinders von Scrum
- Jeff Sutherland – Scrum: The Art of Doing Twice the Work in Half the Time*
- Eric Ries – Lean Startup: Schnell, risikolos und erfolgreich Unternehmen gründen*
- Forsgren, Hubble, Kim – Das Mindset von DevOps. Accelerate: 24 Schlüsselkompetenzen, um leistungsstarke Technologieunternehmen zu entwickeln und zu skalieren* – DevOps & Teamleistung messbar machen
Viel Spaß und Erfolg bei deinen Projekten!
Dein agilophiler
Frank
Weitere Episoden des agilophil Podcasts findest du auf der Übersichtsseite Podcast.
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