European Agile Association: Agilität im ursprünglichen Geist – Interview mit Marc Schmetkamp
In diesem Interview mit Marc Schmetkamp, Gründer der Organisations- und Unternehmensberatung Planet Agile und Mitgründer der European Agile Association (EAA) geht es um die Frage, warum „Agilität“ in vielen Organisationen als ausgereizt oder „verbrannt“ gilt und was nötig ist, um sie wieder wirksam zu machen: Agilität zurück zu Haltung, Handlungslogik und menschenzentrierter Zusammenarbeit zu führen. Wie ein Phönix aus der Asche (um den Bezug zur letzten Episode direkt aufzunehmen).
Ausgangslage: Warum viele „agil-müde“ sind
Wir zeichnen im Gespräch ein Bild, das in vielen Unternehmen vertraut ist: Agilität wurde häufig auf Methoden, Rollen und Meeting-Formate reduziert. Dadurch entstanden Implementierungen, die nach außen „agil“ wirken, intern aber alte Steuerungslogiken reproduzieren. Marc betont, dass nicht die Agilität selbst „verbrannt“ sei, sondern vor allem der Begriffsgebrauch und das, was in der Praxis daraus gemacht wurde: Es sei zu oft „alter Wein in neuen Schläuchen“.
Als typische Fehlentwicklungen nennen wir Beispiele, in denen Frameworks ohne Kontextbezug eingeführt werden, etwa Scrum in Bereichen, die gar keine Produktentwicklung betreiben, oder Sprintlogiken in Service-Organisationen, die täglich neue Tickets erhalten. Solche Einführungen erzeugen Reibung, ohne die eigentlichen Probleme der Organisation zu adressieren.
Beispiel OKR: Wenn ein agiles System zur Verkleidung klassischer Steuerung wird
Als besonders anschauliches Beispiel dient eine OKR-Einführung: OKR steht ursprünglich für selbstorganisiertes Arbeiten, inkrementelle Entwicklung und Kundenzentrierung. In der geschilderten Praxis kippt das System jedoch, wenn Führungskräfte Objectives vorgeben und Key Results am Ende nur noch auf klassische Kennzahlen einzahlen. Mitarbeitende fragen dann nicht nach Wirkung oder Lernen, sondern danach, „was sie in die Key Results reinschreiben sollen“ – das System wird zur Neuauflage traditioneller Zielgespräche.
Kernthese: Methoden sind leicht – Entwicklung ist komplex
Ein zentraler Punkt in unserem Gespräch ist die Unterscheidung zwischen „leichtgewichtigem Framework“ und „komplexer Veränderung“. Marc beschreibt OKR als eines der einfachsten Frameworks in der Einführung – bei gleichzeitig hoher Komplexität in der Entwicklung. Das vermeintlich einfache Versprechen („leichte Methode, große Wirkung“) sei häufig falsch. Agilität bringe komplexe Veränderungen in Kommunikation, Entscheidungslogik, Steuerung und Führung mit sich, die nicht durch die bloße Einführung eines Vorgehensmodells entstehen.
Veränderung ist selten intrinsisch und Schmerz wird oft nicht gespürt
Ein weiterer Strang des Gesprächs beleuchtet, warum Transformationen in Organisationen häufig nur begrenzt greifen: Veränderung ist selten intrinsisch motiviert. Marc vergleicht Organisationen mit Menschen und ihren Neujahrsvorsätzen: Das alte Verhalten fühlt sich zunächst gut an, neue Routinen werden schnell wieder aufgegeben. In Unternehmen kommt hinzu, dass viele Mitarbeitende den „Schmerz“ eines Problems nicht unmittelbar spüren – oder ihn nicht als handlungsrelevant wahrnehmen. Wenn Beratende dann mit sichtbaren Veränderungen (z. B. Open Space, Großraumbüro, Workshops) kommen, kann das als Fremdeingriff erlebt werden. Eine zentrale Schlussfolgerung lautet: Ohne gemeinsames Problemverständnis entsteht kein tragfähiger Veränderungsimpuls.
Die Gründung der EAA: Warum jetzt ein Verband?
Vor diesem Hintergrund erfolgt die Gründung der European Agile Association e.V. : In einer Zeit, in der angeblich „Agilität tot“ ist, wird ein neuer Verband gegründet. Doch Agilität ist nicht tot, im Gegenteil: Viele Organisationen sind noch gar nicht an dem Punkt angekommen, sie überhaupt bewerten oder „beerdigen“ zu können, weil sie Agilität im Kern nicht verstanden oder gelebt haben. „Post-Agile“ ist aus dieser Sicht eine vorschnelle Abkürzung, bevor die Grundlagen sauber etabliert sind.
Die EAA versteht sich als Interessen- und Austauschverband, der eine Lücke schließen will: Eine Institution, die nicht ein einzelnes Framework vertritt, sondern Orientierung zu den Basics gibt und deutlich macht, „was agil wirklich ist“. Gleichzeitig soll sie das Konkurrenzdenken zwischen Methoden und Schulen reduzieren.
Keine Framework-Kriege: Gemeinsamkeiten statt Kannibalisierung
Wir sprechen ferner über die Beobachtung, dass sich agile Ansätze und Organisationsmodelle gegenseitig „kannibalisieren“: Scrum, Kanban, OKR, Holacracy, Spotify-Modell, SAFe/LeSS – oft werden sie gegeneinander ausgespielt, obwohl sie in vielen Grundprinzipien übereinstimmen. Zum Beispiel darin, Verantwortung dorthin zu bringen, wo Kompetenz liegt; Entscheidungen dort zu ermöglichen, wo die Probleme sind; klassische Hierarchie- und Führungsprobleme zu reduzieren; menschenzentrierte Zusammenarbeit zu fördern.
Marc nutzt dafür eine Metapher, die den Kern der Kritik zusammenfasst: Ein „Framework“ ist wörtlich ein Rahmenwerk. Der schönste Rahmen nützt nichts, wenn das „Bild“ darin nicht stimmt. Entscheidend ist, womit Organisationen ihre Rahmenwerke füllen.
Warum „European“: Lernen über Ländergrenzen hinweg
Die europäische Ausrichtung ist dabei eine bewusste Entscheidung gewesen. Unterschiedliche Länder und Kulturen bringen unterschiedliche Arbeits- und Denkhaltungen mit; daraus kann Europa lernen, statt in nationalen Silos zu bleiben. In der Startphase fokussiert sich die EAA auf den DACH-Raum, es bestehen bereits Kontakte nach Österreich und in die Schweiz. Perspektivisch soll die EAA nicht nur eine Plattform für Beratende sein, sondern insbesondere Unternehmerinnen und Unternehmer zusammenbringen, um voneinander zu lernen und europäische wirtschaftliche Handlungsfähigkeit zu stärken.
Mitgliedschaft: Haltung als Mindestanforderung
Die EAA setzt auf eine bewusste Mitgliedschaft: Es soll vorab Gespräche geben, und es existieren Ausschlusskriterien. Gleichzeitig betont Marc aber, dass Menschen nicht zwingend „Agile“ in der Jobbezeichnung tragen müssen – entscheidend ist eine Haltung, die zum Kompass des Vereins passt.
Erste Schritte: Aufbau, Regionalgruppen, Wissenstransfer
Zum Status der Organisation: Die EAA wurde im Herbst eingetragen und ist seit Mitte November öffentlich aktiv. Der Aufbau erfolgt „lean“ – das Angebot wird gemeinsam mit den Mitgliedern sukzessive entwickelt und geschärft. Geplant sind Regionalgruppen mit Veranstaltungen und Wissenstransfer; erste Aktivitäten in der bereits gegründeten Ortsgruppe in Österreich sowie geplante Aktivitäten im Raum München und Hamburg sind angelaufen. Zusätzlich sollen Informationsformate wie Blogs und Magazinartikel entstehen.
„Hack“ der Folge: Kleine, sozialverträgliche Regelbrüche
Zum Abschluss gibt Marc einen praktischen Impuls mit: kleine, experimentelle Regelbrüche. Gemeint ist nicht Regelbruch um des Regelbruchs willen, sondern das bewusste Hinterfragen festgefahrener Routinen – etwa ein sinnloses Meeting zu verlassen oder einen Tag lang bewusst anders zu arbeiten. Diese kleinen Experimente helfen, Systeme zu irritieren und zu prüfen, ob Regeln noch sinnvoll sind oder nur aus Gewohnheit bestehen.
Links & Hinweise
- Website der European Agile Association (EAA)
- Beitrittserklärung. HINWEIS: im ersten Quartal 2026 gilt ein reduzierter Jahresbeitrag von 200,-€ (bis 31.03.2026)
- Webseite „Planet Agile„
- Kontakt zu Marc Schmetkamp über sein LinkedIn Profil
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Dein agilophiler
Frank
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