Agil trotz SAFe - es kann funktionieren...

agilophil Podcast Folge 187: Agil trotz SAFe – es kann funktionieren

Agilität im regulierten Umfeld mit SAFe – und es geht trotzdem!

In dieser Episode des agilophil Podcasts spreche ich mit Nicole Reiss über skaliertes Scrum mit SAFe im regulierten Umfeld und die Frage – kann man trotzdem agil sein?

Nicole arbeitet seit mehreren Jahren in einem großen Unternehmen der Medizintechnik (MedTech) – also genau in einem Kontext, in dem Compliance, Dokumentationspflichten, Traceability, Validierung und Freigaben nicht „nice to have“, sondern absolut zentral sind.

Worum geht’s in der Folge?

Wir schauen gemeinsam darauf, wie agile Arbeitsweisen in einem stark regulierten, hierarchischen Umfeld funktionieren können – ohne so zu tun, als gäbe es die regulatorischen Anforderungen nicht. Nicole beschreibt, wie ihr Umfeld geprägt ist von:

  • hohen Anforderungen durch Regularien und Normen
  • starker System- und Produktkomplexität
  • vielen internen und externen Abhängigkeiten
  • interdisziplinären Teams (Software, Hardware, UX, Verifizierung, Risk Management usw.)
  • hohem Lieferdruck und begrenztem Budget

Nicole’s Rolle: RTE, Proxy Product Management – und viel mehr

Nicole ist als Release Train Engineer (RTE) und Proxy Product Manager unterwegs – und beschreibt sehr offen, dass sie zwar mit einer klaren Rollenbeschreibung gestartet ist, aber ziemlich schnell gemerkt hat: Das reicht nicht.

Sie ist in der Praxis auch:

  • Change-Begleiterin
  • Brückenbauerin zwischen Framework und Wirklichkeit
  • Prozess- und Schnittstellen-Optimiererin
  • Teamentwicklerin und Organisationsentwicklerin

Warum überhaupt agil – welches Problem soll gelöst werden?

Nicole beschreibt sehr klar, dass es bei ihnen nicht darum ging, „agil zu sein, weil man das halt macht“, sondern um handfeste Ziele:

  • höhere Transparenz
  • frühere Risikoidentifikation
  • bessere Abstimmung und Kohärenz zwischen Teams
  • hochperformantes Liefern trotz Komplexität und Abhängigkeiten

Das Vorgehen war eher Bottom-up, also nicht die große Top-down-Transformation mit PowerPoint und Zertifikaten, sondern ein pragmatisches „Wir probieren das aus und passen es an“.

SAFe: nicht überstülpen, sondern zuschneiden

Ein Kernpunkt der Folge ist der Umgang mit SAFe. Nicole bestätigt zwar, dass SAFe oft als schwerfällig und starr wahrgenommen wird, sagt aber auch: Das ist eher ein Problem der Umsetzung als des Frameworks.

Sie beschreibt, wie sie gemeinsam mit den Teams sehr bewusst unterschieden haben:

  • Was sind unsere Must-Haves?
  • Welche Elemente sind hilfreiche Kontextbausteine?
  • Was sind klare No-Gos?

Ein PI-Planning als Synchronisationspunkt ist ein Must-Have, aber nicht als Pflichtveranstaltung oder Selbstzweck. Sondern so gestaltet, dass Menschen das Gefühl haben: „Das bringt mir was.“

Andere Dinge wurden weggelassen oder verändert, wenn sie nicht wirkten. Entscheidend war dabei der Fokus auf:

  • Sinnhaftigkeit
  • Menschen und Zusammenarbeit
  • Abhängigkeiten und gemeinsame Orientierung
  • pragmatische, iterative Anpassung durch Feedbackzyklen

Zertifikate sind nicht die Lösung

Nicole spricht sehr offen über den „Zertifikateffekt“ rund um SAFe. Sie beobachtet, dass es Phasen gab, in denen viele SAFe-Consultants in den Markt kamen, aber nicht immer mit der nötigen Coaching-Erfahrung, um komplexe Transformationen wirklich zu begleiten.

Kundennähe trotz SAFe? ja – sehr bewusst

Ein häufiger Vorwurf lautet: SAFe vernachlässigt den Kunden. Nicole sieht das anders – zumindest in ihrem Kontext.

Sie schildert konkrete Feedback- und Review-Formate, die Kundennähe und frühes Feedback ermöglichen, z. B.:

  • Sprint Reviews alle zwei Wochen
  • System Demos alle zwölf Wochen
  • Usability Studies
  • aktives Einfordern von Feedback (intern wie extern)
  • bewusste Einladung zur „konstruktiven Reibung“

Nicht jedes Team kann immer „tangible“ Ergebnisse zeigen (z. B. im Requirements Engineering), aber die Haltung bleibt: Feedback so früh wie möglich, um Kurskorrekturen zu ermöglichen.

Release-Kadenzen: nicht synchron, aber serviceorientiert

Wir sprechen auch über Releases, eine Frage, die in regulierten Umfeldern oft besonders relevant ist. Nicole beschreibt:

  • keine vollständig synchronisierten Kadenzen
  • teils On-Demand-Releases
  • teils geplante Releases
  • regelmäßige Abnahmen je nach Bedarf und Ebene

Und sie betont: Würden sie SAFe rigide leben, würden sie sich das Leben unnötig schwer machen. Stattdessen steht bei ihnen klar „Client first“ im Mittelpunkt – mit hoher Serviceorientierung des gesamten Teams.

Der schwierige Moment: massiver Budget-Einschnitt – und ein starkes Team

Ein sehr eindrücklicher Teil der Episode ist Nicoles Schilderung eines gravierenden Budget-Einschnitts, der eine Reduzierung des Projektteams zur Folge hatte. Sie erzählt, wie sie vor dem PI-Planning Bauchschmerzen hatte – und wie konstruktiv und geschlossen das Team reagiert hat, als das Ausmaß sichtbar wurde.

Statt Vorwürfen kam:
„Okay. Dann überlegen wir jetzt, wie wir das gemeinsam abfangen.“

Für mich ist das ein zentraler Punkt der Folge: Agilität zeigt sich nicht daran, ob alle Meetings „richtig“ heißen – sondern daran, ob ein Team resilient, handlungsfähig und vertrauensvoll mit Realität umgehen kann.

Vertrauen entsteht nicht durch Ansagen – es wird erarbeitet. Und wenn es da ist, kann ein Team auch harte Einschnitte besser tragen, weil es spürt: „Die da vorne haben wirklich alles versucht.“

Goldstück zum Mitnehmen: „Golden Shower“ als Übung für psychologische Sicherheit

Zum Abschluss teilt Nicole eine Team-Übung, die hängen bleibt: eine „Golden Shower“ – also eine Runde, in der im Team ausschließlich positives Feedback gegeben wird.

Gerade in unserem Kulturkreis ist das ungewohnt: Komplimente geben, Komplimente annehmen, Wertschätzung ausdrücken. Nicole sieht darin einen einfachen, wirksamen Hebel, um:

  • Vertrauen zu stärken
  • psychologische Sicherheit aufzubauen
  • aus der Komfortzone zu kommen

Fazit

Es geht nicht um „SAFe vs. Scrum vs. LeSS vs. Kanban“. Es geht darum, das Problem zu verstehen, den Kontext ernst zu nehmen und dann bewusst die passenden Zutaten zu wählen. Und vor allem: Es geht um Menschen, Vertrauen, gemeinsame Verantwortung und Lernen.

Wenn dir die Folge gefallen hat, teile sie gern mit Menschen, die in regulierten Branchen arbeiten und manchmal denken: „Agil? Bei uns nicht.“ – doch, es geht. Nicht immer bequem. Aber möglich.

Quellen- und Leseempfehlung:
Wenn du dich weiter mit den Grundlagen agiler Arbeit und der Idee von „Frameworks als Werkzeugkasten“ beschäftigen willst, lohnt sich ein Blick in den Scrum Guide (als Referenz für Prinzipien und Werte) sowie in die offiziellen Inhalte von Scaled Agile (SAFe) – mit dem Fokus darauf, wie stark dort Kontextanpassung und kontinuierliches Lernen betont werden.

Links & Hinweise

Wenn dir die Folge gefallen hat, teile sie gern mit Menschen, die in regulierten Branchen arbeiten und manchmal denken: „Agil? Bei uns funktioniert das nicht.“ – doch, es geht 😉

Dein agilophiler

Frank

Weitere Episoden des agilophil Podcasts findest du auf der Übersichtsseite Podcast.

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