Lernen statt agil sein – Was Organisationen wirklich zukunftsfähig macht, Interview mit Ari Byland
In dieser Episode spreche ich mit dem Schweizer Organisationsentwickler, Agile Coach, Buchautor und Podcast-Kollegen Ari Byland. Ari ist Gastgeber des Podcasts „Value Talks“ und hat aus den Erkenntnissen von über 100 Gesprächen sein Buch „Value Talks – Wirksame Muster für lernende Organisationen“ entwickelt.
Im Mittelpunkt unseres Gesprächs steht eine Frage, die für Unternehmen heute wichtiger denn je ist: Wie werden Organisationen lernfähig – und warum ist genau diese Fähigkeit entscheidend für langfristigen Erfolg?
Komplexität erkennen statt alte Rezepte wiederholen
Viele Unternehmen sind noch immer nach Denkweisen organisiert, die für komplizierte, aber vorhersehbare Probleme entwickelt wurden. Die Realität sieht jedoch häufig anders aus: Märkte verändern sich schnell, neue Technologien entstehen, Kundenbedürfnisse wandeln sich und immer wieder treten unerwartete Ereignisse auf.
Ari beschreibt, dass sich komplexe Situationen oft daran erkennen lassen, dass Diskussionen sich im Kreis drehen, scheinbar richtige Lösungen immer wieder scheitern oder sorgfältig erstellte Pläne regelmäßig nicht aufgehen. Statt dann noch mehr Kontrolle, detailliertere Planung oder neue Projektleiter einzusetzen, lohnt sich die Frage, ob vielleicht das gewohnte Vorgehen selbst das Problem ist.
Agilität ist kein Framework
Ein zentrales Thema unseres Gesprächs ist die zunehmende Entwertung des Begriffs „Agilität“. Viele verbinden damit inzwischen vor allem Scrum, Meetings, Sprints oder bestimmte Rollenmodelle.
Ari wählt bewusst einen anderen Zugang. In seinem Buch spielt das Wort Agilität kaum eine Rolle. Stattdessen beschreibt er die Fähigkeit einer Organisation, Veränderungen aktiv für sich zu nutzen. Nicht nur zu reagieren, sondern aus Veränderungen zu lernen und daraus Vorteile zu entwickeln.
Je länger wir darüber sprechen, desto deutlicher wird: Im Kern geht es nicht um agile Methoden, sondern um Lernen.
Sensemaking – ein gemeinsames Bild schaffen
Ein Konzept, das Ari besonders hervorhebt, ist „Sensemaking“. Dabei geht es darum, gemeinsam zu verstehen, was gerade tatsächlich passiert.
In komplexen Situationen gibt es selten eine objektive Wahrheit. Menschen betrachten dieselbe Situation aus unterschiedlichen Perspektiven. Erst wenn diese Perspektiven sichtbar werden und ein gemeinsames Bild entsteht, können Teams fundierte Entscheidungen treffen. Visualisierung spielt dabei eine wichtige Rolle – sei es an Whiteboards, mit Post-its oder in digitalen Kollaborationstools.
Für mich knüpft das unmittelbar an die drei Prinzipien an, die ich häufig als Grundlage erfolgreichen agilen Arbeitens beschreibe: Transparenz, Inspection und Adaptation.
Warum langsamer manchmal schneller macht
Ein weiterer spannender Gedanke lautet: „Slow down to speed up.“
In vielen Organisationen herrscht enormer Druck, schneller zu werden. Doch Ari argumentiert, dass Teams ohne Reflexion Gefahr laufen, effizient die falschen Dinge zu tun. Wer sich keine Zeit nimmt, innezuhalten, zu verstehen und zu lernen, produziert möglicherweise viel Output, aber wenig Wirkung.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: „Wie schnell arbeiten wir?“, sondern vielmehr: „Arbeiten wir an den richtigen Dingen?“
Konflikte als Quelle für bessere Lösungen
Lernende Organisationen zeichnen sich nicht durch permanente Harmonie aus. Im Gegenteil.
Ari beschreibt Konflikte als wertvolle Informationsquelle. Unterschiedliche Perspektiven führen oft zu besseren Entscheidungen. Diversität bringt zwar mehr Reibung und manchmal anstrengendere Diskussionen mit sich, erhöht aber gleichzeitig die Qualität der Lösungen.
Gerade in komplexen Umfeldern entsteht Innovation selten durch Gleichförmigkeit, sondern durch produktive Auseinandersetzung.
Führung neu denken
Ein weiteres Kernthema ist Führung.
Viele Unternehmen stimmen theoretisch zu, dass Entscheidungen dort getroffen werden sollten, wo das Wissen vorhanden ist. Praktisch gelingt das jedoch oft nicht. Gründe dafür liegen häufig in bestehenden Machtstrukturen, Rollenbildern und gewachsenen Organisationsmustern.
Gleichzeitig erleben viele Teams Unsicherheit, wenn Verantwortung tatsächlich übertragen wird. Verantwortung abzugeben und Verantwortung zu übernehmen sind zwei Seiten derselben Medaille. Deshalb braucht es Transparenz, Klarheit und gemeinsame Vereinbarungen darüber, wer welche Entscheidungen treffen kann.
Woran erkennt man eine lernende Organisation?
Die vielleicht wichtigste Frage der Episode lautet: Woran erkennt man eigentlich, dass eine Organisation wirklich lernt?
Ari beantwortet diese Frage mit einem langfristigen Blick: an ihrer Anpassungsfähigkeit und letztlich an ihrer Überlebensfähigkeit. In einer Welt, die sich ständig verändert, werden dauerhaft nur jene Organisationen erfolgreich sein, die lernen können.
Mein Fazit
Für mich war dieses Gespräch eine wertvolle Erinnerung daran, dass wir uns nicht in Methoden, Frameworks oder Buzzwords verlieren sollten. Scrum, Kanban oder andere Ansätze sind Werkzeuge. Der eigentliche Zweck dahinter ist Lernen.
Die zentrale Frage lautet deshalb nicht: „Wie agil sind wir?“
Sondern:
Wie lernen wir als Organisation?
Buchempfehlung
Ari Byland: Value Talks – Wirksame Muster für lernende Organisationen
Links
- Ari Byland auf LinkedIn
- Value Talks Podcast: valuetalks.ch
Weitere Episoden des agilophil Podcasts findest du auf der Übersichtsseite Podcast.
Dein agilophiler Frank












