GEO - Die Zukunft der Produktentwicklung

agilophil Podcast Folge 197: GEO – Die Zukunft der Produktentwicklung mit Kathi Krimmer

Die Zukunft der Produktentwicklung: Warum gute Produkte künftig mehr können müssen als nur funktionieren – GEO

Wie müssen Produkte entwickelt werden, wenn künstliche Intelligenz nicht nur die Entwicklung selbst, sondern auch Suche, Kommunikation und Kaufentscheidungen grundlegend verändert? Darüber spreche ich mit Kathi Krimmer. Sie ist Chief Innovation Officer und Mitglied der Geschäftsleitung der Vogel Corporate Solutions GmbH, Keynote-Speakerin, Dozentin und Expertin für digitale Kommunikation.

Im Mittelpunkt des Gesprächs steht eine Frage, die für Product Owner, Produktmanagerinnen und Produktmanager im Hinblick auf KI zunehmend wichtiger wird: Was gehört heute in ein Backlog, damit ein Produkt auch morgen noch relevant, auffindbar und erfolgreich sein kann?

KI beschleunigt die Produktentwicklung – ersetzt aber nicht den Menschen

Künstliche Intelligenz kann bereits heute viele Phasen der Produktentwicklung unterstützen. Sie hilft beim Erstellen früher Prototypen, ermöglicht Simulationen und macht Ideen schneller sichtbar. Mit Ansätzen wie Vibe Coding lassen sich in Workshops innerhalb kurzer Zeit erste Anwendungen entwickeln, anhand derer Teams und Kunden ein mögliches Produkt erleben und diskutieren können.

Dadurch können Fehler, Missverständnisse und unklare Anforderungen früher erkannt werden. Das spart Zeit und unterstützt ein iteratives Vorgehen.

Trotzdem bleibt menschliche Kompetenz für wahre Innovation unverzichtbar. KI verarbeitet vorhandenes Wissen, erkennt Muster und setzt bekannte Elemente neu zusammen. Für wirklich disruptive Innovationen braucht es jedoch weiterhin menschliche Erfahrung, Kreativität, Empathie und die Fähigkeit, scheinbar unverbundene Themen miteinander zu verknüpfen.

Der sinnvolle Ausgangspunkt für den Einsatz von KI ist deshalb nicht die Frage, was sich automatisieren lässt. Am Anfang sollte immer ein konkretes Problem stehen, das für einen Menschen gelöst werden soll.

Ein gutes Produkt allein reicht aber nicht mehr

Viele Unternehmen investieren viel Energie in Funktionen, Architektur, Design und User Experience. Erst wenn das Produkt weitgehend fertig ist, beginnt die Suche nach einer passenden Vermarktung. Nach Kathis Einschätzung wird diese Trennung zwischen Produktentwicklung und Kommunikation zunehmend problematisch.

Denn die Art, wie Menschen nach Informationen und Produkten suchen, verändert sich. Statt eine klassische Suchmaschine zu nutzen und mehrere Webseiten zu besuchen, führen Nutzerinnen und Nutzer immer häufiger einen direkten Dialog mit einem KI-System. Dieses System fasst Informationen zusammen, spricht Empfehlungen aus und kann perspektivisch auch weitere Handlungen bis hin zu einer Anfrage oder einem Kauf auslösen.

Für Unternehmen bedeutet das: Es reicht nicht mehr, auf der eigenen Website eine überzeugende Produktbeschreibung zu veröffentlichen. Ein Produkt muss in den Informationsquellen vorkommen, auf die KI-Systeme zurückgreifen. Sichtbarkeit entsteht zunehmend außerhalb der eigenen Website – beispielsweise in sozialen Netzwerken, Fachmedien, Foren, Bewertungsportalen, Vergleichsplattformen, Videos oder durch User-Generated Content.

Von SEO zu GEO

Im Gespräch wird deshalb zwischen klassischer Suchmaschinenoptimierung und Generative Engine Optimization, kurz GEO, unterschieden. Während SEO stark auf die eigene Website und deren Auffindbarkeit ausgerichtet ist, beschäftigt sich GEO mit der Frage, wie ein Unternehmen, ein Produkt oder eine Person in KI-generierten Antworten vorkommt.

Dafür sind nicht nur einzelne Keywords wichtig. Entscheidend sind Expertise, Erfahrung, Autorität und Vertrauen. Ebenso relevant ist der Konsens über verschiedene Plattformen hinweg: Aussagen über ein Produkt, seinen Nutzen und das Unternehmen sollten nachvollziehbar, konsistent und in einem klaren Kontext erscheinen.

Marketingverantwortliche übernehmen damit eine neue Aufgabe. Sie werden zu Hüterinnen und Hütern dieses Konsenses. Übertriebene Werbeversprechen verlieren an Bedeutung, alte Marketing-Tricks, wie die Verknappung, werden zu Hindernissen. Wichtiger werden verständliche Antworten auf reale Fragen, glaubwürdige Erfahrungen und eine eindeutige Aussage darüber, welches Problem ein Produkt löst.

Was gehört in ein zukunftsfähiges Backlog?

Ein Backlog darf sich deshalb nicht nur mit Funktionen des eigentlichen Produkts beschäftigen. Product Owner sollten auch Anforderungen berücksichtigen, die das Produkt erklärbar, maschinenlesbar und anschlussfähig machen.

Dazu gehören strukturierte Produktinformationen, verständliche Bezeichnungen, gepflegte Metadaten, Knowledge Graphs, Markup-Schemata und ausführliche FAQ-Bereiche. Ebenso wichtig ist die Frage, welche Informationen über das Produkt außerhalb der eigenen Plattform verfügbar sein müssen.

Produktentwicklung und Kommunikation sollten dafür enger zusammenarbeiten. Teams müssen verstehen, welche Fragen Menschen stellen, welche Probleme sie beschreiben und in welchem Zusammenhang das Produkt als hilfreiche Lösung genannt werden soll. Auch Communities und besonders aktive Kommunikationstreiber können eine wichtige Rolle spielen. Sie teilen Erfahrungen, schaffen Gesprächsanlässe und tragen dazu bei, dass ein Produkt in relevanten Kontexten sichtbar wird.

Voice-to-Action verändert die Customer Journey

Ein weiterer Entwicklungsschritt ist die zunehmende Nutzung gesprochener Sprache. Menschen werden digitalen Assistenten nicht nur Fragen stellen, sondern konkrete Aufgaben übertragen. Aus Voice-to-Text wird Voice-to-Action.

Eine Person fragt dann beispielsweise nicht mehr nach einem einzelnen Produkt, sondern beschreibt eine Situation oder ein Ziel. Der digitale Assistent entwickelt daraus eine Lösung, erstellt eine Einkaufsliste oder löst direkt eine Bestellung aus. Für Unternehmen wird es deshalb wichtiger, nicht nur einzelne Produkte, sondern umfassende Lösungen und passende Kontexte anzubieten.

Fazit

Bei allen technologischen Veränderungen bleibt der Kern guter Produktentwicklung erstaunlich stabil: Ein Produkt muss das Leben eines Menschen besser machen. Es kann etwas schneller, günstiger, einfacher, sicherer, unterhaltsamer oder inspirierender machen.

Wer diese Verbesserung klar benennen kann, sie konsequent in das Produkt übersetzt und über verschiedene Kanäle glaubwürdig vermittelt, schafft eine belastbare Grundlage für die Zukunft der Produktentwicklung. KI verändert die Werkzeuge, die Kommunikationswege und die Customer Journey. Die entscheidende Frage bleibt jedoch menschlich: Welches relevante Problem lösen wir – und warum sollte jemand darüber sprechen?

Links und Empfehlungen

Kathi Krimmers LinkedIn-Profil

Webseite von Vogel Corporate Solutions

Als weiterführende Lektüre zum Zusammenspiel von künstlicher Intelligenz, Organisation und Wertschöpfung bietet sich das Buch „Competing in the Age of AI“ von Marco Iansiti und Karim R. Lakhani an.

Weitere Episoden des agilophil Podcasts findest du auf der Übersichtsseite Podcast.

Dein agilophiler Frank

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